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Die Witterung in Marburg im Oktober 2012
Facettenreich mit goldenem Kern
Allen Spekulationen zum Trotz: Beim Winter ist noch alles möglich

Oktober 2012
Bilanz: ausgewogen feucht mit 101,0 % Regen - wenig k√ľhler als normal / Abweichung: -0,55 Grad
Trotz einer ausgewogenen Niederschlagssumme, einem leichten Sonnenschein√ľberschuss und einer unterm Strich nur leicht negativen Temperaturbilanz f√§llt der vergangene Oktobermonat vor allem durch seinen Facettenreichtum auf. So ging der zweite Herbstmonat zun√§chst nass, daf√ľr aber noch recht mild an den Start und in der ersten Oktoberh√§lfte fielen rund 90 Prozent der im Marburger Land registrierten monatlichen Regensumme von - je nach Region - 45 bis knapp 70 Liter pro Quadratmeter. Der Rest verteilte sich auf nur noch wenige feuchte Tage in der zweiten Monatsh√§lfte, meist regnete es nur noch unbedeutend.

Dagegen zeichnete sich der Monat mit einem munteren Auf und Ab der Temperaturen aus: Dem vergleichsweise milden Start folgte ein erheblich unterk√ľhlter Witterungsabschnitt in dessen Verlauf die H√∂chstwerte zur Monatsmitte tagelang kaum noch √ľber die 10-Grad-Marke hinauskamen. In dieser Zeit wurden auch recht verbreitet Reifn√§chte beobachtet. Am k√§ltesten war es jedoch zum Monatsende, am Morgen des 29., mit minus 3,3 Grad in Marburg und minus 4 bis minus 5 Grad im Umland. Unmittelbar √ľber dem Erdboden wurden sogar verbreitet 6 bis 9 Minusgrade gemessen. Vorausgegangen war ein massiver Kaltlufteinbruch, der am letzten Wochenende des Monats den ersten, nassen Schnee beschert hatte. In Marburg lagen am Morgen des 27. kurzzeitig drei bis vier Zentimeter der wei√üen Pracht, auf den Bergen sogar noch etwas mehr.

Zwischen diesen kalten Witterungsphasen zeigte sich der Herbstmonat allerdings von seiner besten Seite und machte seinem Beinamen "goldener Oktober" alle Ehre. Vor allem in den Tagen um das dritte Oktoberwochenende herum, also nur eine Woche vor dem erw√§hnten, au√üerordentlich fr√ľhen Wintereinbruch zum Monatsende, liefen Sonne und warme Mittelmeerluft noch einmal zu H√∂chstform auf. W√§rmster Tag war der 21. mit Spitzenwerten von mehr als 22 Grad. In vielen Teilen Deutschlands wurden an sogar neue Temperaturrekorde f√ľr den Oktober gemessen. So sorgte F√∂hn am Alpenrand vielfach noch einmal f√ľr sommerliche 25 bis 27 Grad. Am letzten Oktoberwochenende folgte dann allerdings ein markanter Temperatursturz in den einstelligen Bereich, so dass der zwischenzeitlich aufgelaufene W√§rme√ľberschuss rasch wieder aufgezehrt wurde. Letztlich blieb die Temperaturbilanz des Oktober in der Region sogar noch geringf√ľgig hinter dem Klimamittel zur√ľck.

Vor allem seinem "goldenen" Kern zur Monatsmitte ist es zu verdanken, dass der Oktober 2012 im Marburger Land als recht sonniger Monat bilanziert. So war das klimatische Sonnenscheinsoll bereits am 23. nahezu erf√ľllt, bevor Nebel und Hochnebel die tief herbstliche Natur ihrer verschwenderischen Farbenpracht berauben konnte. Zwar folgten in die letzten Monatstagen neben viel Gew√∂lk auch wieder ein paar Sonnenstrahlen, die sich aber in der von Norden einstr√∂menden Kaltluft nur noch vergleichsweise kraftlos √ľber das immer farblosere Land ergossen: Gleichzeitig erreichte der herbstliche Laubfall in den frostigen N√§chten Ende des Monats seinen H√∂hepunkt.

Bleibt die Frage was uns der nun nahende Winter wohl bringen mag. Ein Teil der Regenbogenpresse gab ja schon wieder Dramatisches zum Besten: Ein nach Ansicht freilich eher dubioser, meist selbst ernannter "Wetterexperten" wahlweise "chaotischer" Winter mit einem mehrfachen "Wechsel von gro√üer K√§lte und sehr milden Phasen" oder sogar ein wahrer "Eiswinter" rolle heran, der "fr√ľh" beginnen und "ungew√∂hnlich lange andauern" werde. - Dran ist freilich nur wenig an derlei quoten- und auflagenorientierter Spekulation.

Fakt ist, dass Wetter von Natur aus dem so genannten "Chaosprinzip" folgt, d.h. schon minimalste √Ąnderungen der Ausgangsbedingungen k√∂nnen gro√üe Auswirkungen auf die Folgewitterung haben. Genaue Vorhersagen sind daher grunds√§tzlich nicht m√∂glich und keinesfalls genauer als der Wurf einer M√ľnze. Was - wenn auch in engen Grenzen ‚Äď mitunter m√∂glich ist, ist eine grobe Absch√§tzung von Witterungstendenzen, die sich aus dem Verhalten der gro√üen, atmosph√§rischen Windsysteme oder auch aus demjenigen der gro√üen Meeresstr√∂mungen ableiten lassen oder auch nicht. In manchen Jahren h√§ufen sich solche Indizien, in anderen bleiben sie aus oder entziehen sich unserem bisherigen Verst√§ndnis der Wetterphysik.

F√ľr den kommenden Winter sind noch keine klaren Tendenzen erkennbar. √úberlegungen aus dem Sommer, wonach der extreme saisonale Eisverlust im arktischen Ozean eine deutliche Schw√§chung der Westwinddrift nach sich ziehen k√∂nnte, sind noch im Stadium der Spekulation und m√ľssen sich erst noch best√§tigen. Tr√§te dieser Fall ein, k√∂nnte sich in Teilen Europas in der Tat vermehrt √∂stlicher Wind und damit potenziell frostigeres Wetter einstellen, als bei viel Westwind. Aber auch in diesem Fall w√§re noch l√§ngst nicht ausgemacht, ob davon ganz Mitteleuropa oder nur ein Teil, vorzugsweise das s√ľdliche Deutschland und die Alpenl√§nder betroffen sein w√ľrden. - Warten wirs also ab ...

Marburg, am 31.10.2012

Herzlichst, Ihr J√ľrgen Vollmer
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